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Die erste Rückkehr nach Rwanda

  • Autorenbild: Root Foundation Germany
    Root Foundation Germany
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 RFG Root Talk: Annika & Paul

Protokoll: Marie Dudek



Paul ist Gründungsmitglied und Vorstandsmitglied der Root Foundation Germany und Annika langjähriges Mitglied der Root Foundation Germany, Kinderschutzbeauftragte und Editorin unseres jährlich erscheinenden Magazins. Beide waren für einen Freiwilligendienst in der Root Foundation in Kigali. Jetzt haben sie sich in Berlin getroffen, um darüber zu sprechen, wie es ist, nach Ruanda zurückzukehren, warum dies einige Zeit brauchte, und was das Zurückkehren für beide bedeutet.





Paul: 

Annika, in einer Woche fliegst du wieder nach Ruanda, das erste Mal nach sieben Jahren. Wie fühlt sich das an? 


Annika: 

Da steigen wir direkt mit der einfachsten Frage ein (lacht)


Ich freue mich sehr! Ich bin auch gespannt, was sich verändert hat, seit ich da war. Und ich bin ein bisschen nervös, weil ich viele, die heute bei der Root Foundation arbeiten, bisher nicht persönlich kennengelernt habe. Viele Kinder, die wir damals mit begleitet haben, sind heute keine Kinder mehr und wahrscheinlich auch nicht mehr vor Ort. Die Root Foundation selbst ist in einem anderen Gebäude – es ist alles irgendwie anders geworden und gleichzeitig doch auch vieles gleich geblieben.


Paul:

Warum hast du dich erst so spät zu einer Rückkehr entschieden? 


Annika:

Bei mir hatte das zunächst ganz praktische Gründe: Ich konnte es mir lange finanziell nicht leisten, zurückzugehen. Dann gab es auch eine zeitliche Komponente. Ich habe studiert, die Semesterferien erschienen mir zu kurz oder waren schon anders verplant. Und eine Reise nach Ruanda muss man relativ lange im Voraus planen, damit man für die Flüge keine horrenden Preise ausgibt. Außerdem war ich familiär teilweise stark eingebunden und konnte deswegen keine große Reise unternehmen. Jetzt ist das erste Mal, dass mich keiner dieser Gründe zurückhält.


Ich hätte bestimmt schon früher gehen können, aber dann eher für kürzere Zeiträume und das wollte ich nicht. Für mich war von Anfang an klar: Wenn ich zurückgehe, dann für längere Zeit. Ich wäre niemals nur für eine Woche nach Ruanda geflogen und dann wieder zurück. 


Paul:

Ich habe für mich auch nicht in Betracht gezogen, einen so großen Aufwand zu betreiben, um einfach nur hin und zurück nach Ruanda zu fliegen. Bei mir hat sich die Gelegenheit ergeben, als ich in Südafrika war und auf dem Rückweg einen Zwischenstopp in Rwanda einlegen konnte – quasi auf Durchreise. 

Ich frage mich aber, woran es liegt, dass ich diese Option gar nicht im Bewusstsein hatte. Dass ich mir erlaube, einfach zwei oder drei Wochen hinzufliegen, um einfach nur dort zu sein. 


Annika 

Das ist ein bisschen absurd, weil wir ja schon zu den Ehemaligen gehören, die noch am meisten mit der Root Foundation verbunden sind und Kontakt haben. Und ausgerechnet uns ist es nicht eingefallen, dass man ohne Anlass nach Ruanda reisen könnte. 


Paul: 

Bei mir gab es auch einen mentalen Abschluss, nachdem ich mein Jahr bei der Root Foundation beendet hatte. Ich habe das nicht als aktiven Teil von mir verstanden, in meinem Sein, und hatte daher auch nicht das Bedürfnis zu sagen: “Ich gehe jetzt wieder hin”. Bei manch anderen ist das in meiner Wahrnehmung so, da ist die Zeit in Ruanda so stark zu einem Teil ihrer Selbst geworden, dass die Möglichkeit, nicht wieder hinzugehen, gar nicht bestand - das hätte bedeutet, diesem Teil von sich keinen Raum zu geben. 

Ich weiß nicht, was das mit dir machen wird, jetzt nach längerer Zeit wieder nach Ruanda zu gehen - ob das damit ein neuer Teil von deinem Selbst wird, oder ob du einen alten Teil deines Selbst wieder in dir zulässt, der die ganze Zeit unterbewusst schon da war.


Annika: 

Das war auch Teil meiner Angst, weswegen ich mich nicht zurückgetraut habe. 

Ich wäre nie einfach nur so zurück, sondern dachte immer, wenn ich zurückgehe, dann dann mit einem fixen Plan, was ich dort mache, beispielsweise ein Praktikum. Andere sind einfach zurückgegangen, für mich habe ich das gar nicht als Möglichkeit wahrgenommen. Auch, weil ich Angst hatte, wieder in alte Rollen reinzurutschen, die ich damals innehatte. Das wollte ich nicht, ich dachte: “Aus der Rolle bin ich raus, die müssen jetzt andere übernehmen.” Dass es diese Rollen gar nicht mehr gibt, daran habe ich nicht gedacht. Und dass ich eine neue Rolle einnehmen kann, habe ich mir nicht zugetraut. Für meinen Abschluss mit meiner Zeit in Ruanda damals war es wichtig, eine Distanz aufzubauen.

Jetzt gehe ich zurück mit dem Ziel, nicht primär bei der Root Foundation zu sein, sondern auch andere Dinge zu tun. 


Paul:

Für mich haben der Besuch in Ruanda und die Root Foundation schon dasselbe bedeutet. Ich hatte ein sehr großes Bedürfnis, die Menschen, die mich damals dort geprägt haben, zu sehen und diese Verbindung am Leben zu erhalten. Es ist ja nicht trivial, so etwas wie die Root Foundation über viele Jahre hinweg aktiv zu gestalten und das Vertrauen dabei in einem ähnlichen Maße zu spüren, wie wenn man vor Ort ist. Das wieder aufleben zu lassen war schon ein ganz starker, großer Wunsch.

Und ich wollte die Entwicklung der Root Foundation auch weiter beobachten. Da mit einer gewissen Demut hingehen und schauen, was passiert ist, seitdem ich Ruanda verlassen habe. Das hat mich berührt, auch, mir einzugestehen und zu erkennen, dass ich Teil davon gewesen bin.


Annika

Ich finde es auch spannend, dass die Root Foundation zwar ein großer Antrieb für mich war, zurückzugehen, aber eben auch das Lebensgefühl, das ich damals hatte und Orte, die mir bis heute wichtig sind. 

Einer der größten Gründe, zurückzugehen, war für mich immer der Kontakt zu Muragwa (Mitbegründer der Root Foundation Rwanda). Das Zurückkehren ist für mich daher auch stark mit Freundschaften verbunden, natürlich in Anlehnung an die Root Foundation. Aber es war nie nur die Root Foundation, die den Ausschlag gegeben hat, über eine Rückkehr nachzudenken.


Manchmal denke ich, ich hätte echt früher zurückgehen können. Dass es jetzt schon ein bisschen spät ist. Mir ist klar, dass niemand in Ruanda erwartet, dass ich zurückkomme. Niemand rechnet mehr damit. Und auf die eine Art ist es irgendwie schön, weil es so einen Überraschungsmoment birgt, auf die andere Art ist es schon fast ein bisschen traurig zu wissen, dass niemand mit mir rechnet - obwohl sie sich bestimmt freuen werden, wenn ich da bin.


Paul:

Und das ist eigentlich, glaube ich, aus einer machtkritischen Sicht total gut und wichtig: zu erkennen, dass niemand davon abhängt, dass du da hinkommst. Klar, auf einer ganz persönlichen Ebene kann das ein bisschen enttäuschend oder ernüchternd sein, aber an sich ist das, glaube ich, etwas Gutes.


Annika: 

War es bei dir denn gut, als du 2023 – auch nach 7 Jahren – das erste Mal wieder zurückgekehrt bist? Du warst dann ja nur für eine Woche in Ruanda. Hat bei dir die kurze Dauer einen Unterschied gemacht in der Wahrnehmung von allem?


Paul: 

Das ist natürlich der Klassiker – in so einer kurzen Zeit ist die Gefühlslage ganz euphorisch. Ich spürte ganz viele positive Gefühle, habe ganz viel Gutes gesehen. Das passt auch ganz gut in meine Identität als Optimist, weil mich das in meinen Glaubenssätzen bestätigt. 


Ich hatte das Gefühl, in der Zeit extrem aktiv gewesen zu sein. Vielleicht war das problematisch, vielleicht aber auch der Geist der Root Foundation an sich, aber ich habe direkt wieder versucht, meine Kontakte und Verbindungen in Kigali mit der Root Foundation zu verknüpfen. Es hat sich dabei gar nicht angefühlt wie ein Sprint, aber wie eine sehr wohltuende Backpacking-Reise. Zudem gab es bei mir auch noch das Element, dass ich durch mein Engagement mit der Root Foundation Germany gar nicht so sehr das Gefühl hatte, dass ich nur ein externer Besucher bin, der sich dann auch mal fehl am Platz fühlen kann. Als ich nach Ruanda zurückgekehrt bin, war ich gleichzeitig Außenstehender und wusste aber trotzdem über die internen Prozesse Bescheid, habe alle Entwicklungen mitbekommen, kannte die Herausforderungen. Im weitesten Sinne sind die Menschen der Root Foundation Teil meiner Familie.


Ich konnte bei meinem letzten Besuch auch aufgrund der Erfahrungen, die ich in der Zwischenzeit gesammelt habe, der Root Foundation mehr anbieten, ich habe ja jetzt ganz andere Kenntnisse und Perspektiven als damals. Es war richtig schön zu merken, dass aus dem übermotivierten, aber auch uninformierten und einfach aktionistischen Paul von damals jetzt noch mehr Wert für die Root Foundation entspringen kann. 


Annika: 

Ich habe damals sehr damit gekämpft, dass ich für das, was ich mache, fachlich überhaupt nicht qualifiziert war. Das hinzunehmen, war für mich unheimlich schwer. Deswegen habe ich in meiner Zeit bei der Root Foundation sehr viel gemacht, weil ich das Gefühl hatte, ich muss das irgendwie aufwiegen, mir eine Daseinsberechtigung erarbeiten. In der Hinsicht bin ich jetzt entspannter, weil ich weiß, dass ich besser ausgebildet bin - das ist ein gutes Gefühl. Gleichzeitig hadere ich immer noch mit der Rolle, die ich habe: Ich bin eine weiße deutsche Frau, die ganz klar in entwicklungspolitischen Kontexten unterwegs ist. Das bringt mich nach wie vor zum Verzweifeln, weil ich nicht sehe, wie diese Position auf lange Sicht für mich und die Menschen, die in diese Arbeit involviert sind, gut funktionieren könnte. 


Paul:

Für mich war die Hoffnung immer, dass die Root Foundation Germany ein Ort sein kann, in dem diese Perspektive einen Platz bekommt. Dass das Dilemma und die darauf bezogene eigene Unsicherheit Raum hat und eben nicht abschließend beantwortet sein muss (die  Root Foundation Germany wurde meiner Ansicht nach als Kompromiss gegründet und thematisiert das Dilemma zwischen Spenden und Spendenkritik).


Annika:

Ich habe immer Angst, dass man es sich damit zu einfach macht, weißt du? Immer zu sagen “Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht”, anstatt sich klar zu positionieren: Nein, Entwicklungszusammenarbeit ist wirklich problematisch und man sollte das lassen, oder: Nein, Entwicklungszusammenarbeit hat tolle Anteile und die sollte man bewahren. Ich fühle mich feige, mich dahingehend nicht zu entscheiden.


Paul:

Aber das ist doch sehr westliches Denken: dass es eine Binarität gäbe, zwischen der man sich entscheiden müsse. Es ist doch ein Spektrum. Aus meiner Sicht ist es auch genau das, was wir in der Root Foundation versuchen, immer wieder auszutarieren: Sind wir gerade zu weit reingerutscht, bedienen wir diese Machtmuster und Denkmuster? 


Annika:

Manchmal denke ich, dass diese Verzweiflung, wenn man diese Emotion so nennen will, das Produktivste ist, was aus der Entwicklungszusammenarbeit hervorgehen kann. Weil sie neue Ideen erzeugt. Aber vielleicht ist auch das jetzt wieder nur eine Ausrede.


Paul: 

Ich frage mich gerade, inwiefern das eine sehr verkopfte Art ist, auf Entwicklungszusammenarbeit zu schauen. Und ob nicht genau das auch so ein bisschen das Schöne oder das Besondere an den Möglichkeiten, die wir in Rwanda und über die Root Foundation Germany haben, ist, das Ganze auf eine menschliche Ebene zu holen.


Annika:

Das mag sein, aber ich würde behaupten, dass wir beide immer noch mehr von diesem Jahr, was wir dort verbracht haben, stark profitieren.


Ich habe oft den Eindruck, dass die Zeit in Rwanda mir beispielsweise berufliche Möglichkeiten eröffnet, die es den Teammitgliedern der Root Foundation Rwanda nicht in diesem Maße eröffnet.  Eine Form von persönlichem Profit, den man mit rauszieht für sich, auch, ohne es unbedingt zu wollen. 


Paul:

Damit thematisiert du jetzt eine systemische Ungleichheit aus der individuellen Perspektive. 

Annika:Ja, aber man muss auf einer individuellen Ebene trotzdem einen Umgang damit finden. Es reicht nicht, zu sagen: "Ja, das ist systemisch, das hat mit mir nichts mehr zu tun." So funktioniert das ja auch nicht. 


Paul:

Sicherlich ist es wichtig, dass diese Reflexion in unseren eigenen Köpfen stattfindet, letztlich aber ist doch der offene Austausch darüber mit der ruandischen Seite wichtiger.


Annika: 

Ja, die Frage ist, wie man es dann in die Praxis übersetzt. Wie macht man das, wenn man tatsächlich vor Ort  ist oder eben von Deutschland aus mit dem ruandischen Team zusammenarbeitet. Das ist auf jeden Fall ein Thema, was durch diese Rückkehr, durch diesen Gedanken zurückzugehen, für mich wieder präsenter geworden ist.


Paul

Für mich heißt das auch das ständige Aushalten von struktureller Ungleichheit. Und mehr noch, ich glaube, wie gesagt, dass wir eigentlich an dem Punkt sind, an dem dieser Zwiespalt eine unserer Hauptstärken ist. Weil die Debatten eben nicht pro-contra geführt werden können, weil es eben nicht einfach nur plakativ geschehen kann, diese Form von Zusammenarbeit, weil Komplexität eben auch spannend und interessant ist und sein kann.


Annika: 

Und trotzdem frage ich mich schon auch, was ich heute noch dort suche.


Paul:

Vielleicht ist es auch eher die Frage, was du dort findest? Ich glaube, es ist völlig in Ordnung, zu sagen: Ich mache das jetzt einfach. Ich verstehe die kritische Perspektive total, und gleichzeitig finde ich es auch problematisch und sehr hart, sich selbst so zu verurteilen. Du hast dich einer Welt geöffnet, die nunmal schwieriger und komplexer ist. Und ich habe nicht den Eindruck, dass du mit dieser Komplexität unverantwortungsvoll umgehen würdest. 


Annika: 

Aber das sagst du auch als weißer deutscher Mann. Wie du das aus einer anderen Perspektive sehen würdest, da bin ich mir manchmal nicht so sicher, weißt du? Die bisherigen Freiwilligen waren, wie wir alle weiß; unsere Wahrnehmungen decken sich möglicherweise auch aus diesem Grund recht häufig, vielleicht zu häufig.


Haben sich denn deine Erwartungen, die du hattest, bevor du zurückgegangen bist, im Nachhinein bestätigt oder würdest du sagen, dass es auch unerwartete Momente gab?


Paul: 

An vielen Stellen wurden meine Erwartungen übertroffen. Ich bin kein Mensch, der mit vielen Erwartungen irgendwo reingeht und trotzdem war meine Vorstellung, dass sich Kigali und die Root Foundation als Organisation in den letzten sieben Jahren stark verändert haben. Und auf die Brass Band war ich besonders gespannt. Alles war dann eigentlich noch viel krasser, als ich mir das hätte vorstellen können.

Positiv überrascht war ich darüber, wie viele Menschen, die mich mitgeprägt hatten oder die ich mitgeprägt hatte, wieder ins Bewusstsein getreten sind und wir uns gegenseitig wiedergefunden haben. Es war schon überraschend, dass das so gut einfach möglich war. Deshalb fällt es mir vielleicht auch schwer, die menschliche Komponente der Entwicklungszusammenarbeit aufgrund der berechtigten systemischen Kritik bei der Bewertung der Zusammenarbeit vollständig außer Acht zu lassen.


Annika:

Manche Kinder in der Root Foundation können sich noch an mich erinnern, hat Brian (Programm- and Partnerschaftskoordinator der Root Foundation Rwanda) mir in einem Telefonat neulich erzählt. Als ich dort war, waren die vielleicht sechs, sieben Jahre alt. Ich weiß nicht, ob ich mich mit 14, 15 noch an jemanden hätte erinnern können, den ich mit sechs oder sieben kennengelernt habe. Das war für mich sehr eindrücklich. 

Das hat mich im ersten Moment mega gefreut, weil es für mich so ein wichtiges Jahr war und immer noch ist. Ich denke immer noch an einzelne Kinder und frage mich, was aus ihnen geworden ist. Zu wissen, dass das scheinbar umgekehrt auf eine Art auch so ist, ist einfach schön und berührt mich.


Paul: 

Ich finde, es muss auch schön sein und berühren dürfen. Du hast diese Menschen geprägt und diese Menschen haben auch dich geprägt. Das ist im Kern für mich kultureller Austausch. Machtgefälle auf der systemischen Ebene schließen nicht aus, dass eine wertvolle Zusammenarbeit zwischen Menschen stattfinden kann. Ich glaube, dass gesellschaftliches Lernen immer in einem Austausch stattfinden muss. Dass sich etwas daran ändern muss, wie der Austausch passiert, ist gar keine Frage. Mit der Root Foundation Germany haben wir hoffentlich auch in Zukunft einen Raum, immer wieder kritisch unsere Zusammenarbeit mit der Root Foundation zu hinterfragen und anzupassen.   



 
 
 

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