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IKEA und der “Platz an der Sonne” -deutsche Kolonialgeschichte revisited

Aktualisiert: 6. Nov 2020

Text von Annika Böttcher und Carolin Ehrlich



Es ist ein später Sommerabend, als wir telefonieren, sie in Freiburg, ich in Berlin. Unser Gespräch nimmt eine unerwartete Wendung, als Carolin von der IKEA-Werbung erzählt, die sie neulich in der Stadt gesehen hat: “Ein Platz an der Sonne zum kleinen Preis? - Ein Traum. IKEA.”. Unmöglich, finden wir beide - Warum, das beschreiben wir in diesem Blogbeitrag. Was wir dabei fast noch erschreckender finden: Die meisten ihrer Freundinnen verstehen die Aufregung kaum. Geht es Ihnen/Euch ähnlich? Wir fragen uns: Wieso sind vermeintlich hervorragend ausgebildete junge Menschen kaum informiert über die deutsche Kolonialgeschichte? Aus der Motivation heraus, eben dies zu ändern, beschließen wir, diesen Beitrag zu schreiben, für uns und alle, denen es mit diesem wenig sensiblen Slogan ähnlich geht; vor allem aber auch für ihre Freundinnen und jene, die genauso wenig verstehen, weshalb der Slogan eigentlich so unsensibel ist:


1897 ist das Jahr, in dem die Formulierung “Platz an der Sonne” an Bedeutung gewinnt - im Zusammenhang mit deutscher Kolonialpolitik. Hinter diesen vier kleinen Worten verbirgt sich eine ganze Bandbreite verwerflicher Ideale, die zur Lösung der innen- und außenpolitischen Herausforderungen der damaligen Zeit dienen sollten. Die aufkeimende Debatte um deutsche Kolonien im fernen Afrika wird etwa mit der  Behauptung als Großmacht und dem damit verbundenen Sendungsbewusstsein gerechtfertigt. Sie dient aber gleichwohl auch der Ablenkung von innerstaatlichen Problemen wie steigender Arbeitslosigkeit oder fehlendem nationalen Zugehörigkeitsgefühl. 


Die Argumentation geht aus einer Position vermeintlicher geistiger Überlegenheit hervor - könnten Neugründungen deutscher Kolonien doch bedeuten, das dort lebende “Urvolk” zu zivilisieren, ihnen gar zu helfen, sich “gesund” zu entwickeln. Der angeblich wissenschaftlich fundierte Sozialdarwinismus entfaltet seine ganze Wirkkraft. Als “Schutzgebiete” werden die brutalst einverleibten Gebiete inklusive der dort lebenden und oft hoch entwickelten Gesellschaften demnach betitelt. 


Im Deutschen Reich ist die Rede von Platzmangel, Angst wird geschürt, das deutsche Volk breite sich aus und brauche mehr Nutzfläche - wirtschaftliche Interessen wie die Gewinnung von Ressourcen und die Kontrolle künftig wichtiger Handelslinien spielen plötzlich eine Rolle für den, der geopolitisch mithalten will. Die wirtschaftliche Ausbeutung wird in der Folge zu einer der Kerninteressen der deutschen Kolonialpolitik in “Deutsch-Ostafrika”, “Deutsch-Südwestafrika”, Kamerun, Togo u.a. Dass dieser verwerfliche Teil der deutschen Geschichte kein Teil des kollektiven Gedächtnisses ist, lässt sich auch mit der kurzen Dauer der insgesamt wenig ertragreichen Kolonialherrschaft nicht rechtfertigen. 


Über 120 Jahre nachdem der Sonnen-Slogan erstmals das Bedürfnis nach kolonialer Herrschaft und damit auch die Grundlage für deutsche Kolonialverbrechen beschönigend beschrieben hat, sind die Folgen des vergangenen Jahrhunderts heute noch immer deutlich zu spüren.


Kurzfristig betrachtet bedeutete die Phase deutscher Kolonisierung die soziale und wirtschaftliche Ausbeutung von Bevölkerungsgruppen, das Abschlachten zehntausender Menschen und das Verursachen zahlreicher gesellschaftlicher Konflikte sowie den bis heute kaum aufgearbeiteten Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia. 


Aber vor allem die langfristigen Auswirkungen sind es, die die heutigen globalen Machtstrukturen prägen - soziale und wirtschaftliche Abhängigkeiten, politische Einflussnahme, die Negierung bestehender Verantwortung für postkoloniale Aufarbeitung, das Fehlen von Ausgleichsleistungen oder gar Entschuldigungen für die jahrzehntelange Unterdrückung. Kulturelle Güter aus Ländern des Globalen Südens lagern als koloniales Raubgut in deutschen Museen, die Rückgaberechte seien schwer zu klären. Land- und Grenzkonflikte wie beispielsweise innerhalb Kameruns lassen sich auf die koloniale Grenzziehung Anfang des 20. Jahrhunderts zurückführen.