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Gedanken zur Forschung in Afrika

Text von Johannes Werfel


Vor kurzem habe ich den Bericht “Science in Action - Rwanda’s game changing coronavirus test” des Radiosenders BBC World gehört, in welchem eine Forschungsarbeit der „University of Rwanda“ in Kigali vorgestellt wurde. In dieser Veröffentlichung geht es um einen Algorithmus, der mit einer möglichst niedrigen Anzahl von RT-PCR-Tests Personen einer Testgruppe eindeutig identifizieren soll, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind. Dies erfolgt auf Basis der synthetischen Vermehrung von virusspezifischen RNA-Fragmenten (Teil des Erbguts des Virus), welche in Abstrichen von Testpersonen enthalten sind. Die Motivation zur Erarbeitung des Algorithmus entstammt den hohen Kosten solcher Tests (lt. der Autor*innen ≈ 30-50 US Dollar), welche für viele afrikanische Länder eine deutlich höhere Belastung als für die meisten europäische Nationen darstellen. So besteht bspw. in Bayern für jede*n Bürger*in die Möglichkeit, sich ohne Anhaltspunkte einer Infektion auf Kosten des Freistaates testen zu lassen.


Für mich als Maschinenbauer und Nicht-Mathematiker war die Veröffentlichung gut verständlich und das Vorgehen sehr nachvollziehbar dargelegt. Ich würde die Lektüre daher auch Laien ans Herz legen. Neben der interessanten fachlichen Thematik hat mich diese Arbeit vor allem zum Nachdenken hinsichtlich der Forschungsarbeit in Afrika generell angeregt. So war es beispielsweise die erste Veröffentlichung, an die ich mich erinnern kann, die von Forschenden einer afrikanischen Universität veröffentlicht wurde.

Warum ist das so? Eine Antwort liefert der „UNESCO Wissenschaftsbericht 2015“, laut dem Publikationen aus Afrika im Jahr 2014 trotz eines Anstieges der Gesamtanzahl auf 60,1% im Vergleich zum Jahr 2008 lediglich einen Anteil von 2,6% an allen wissenschaftlichen Veröffentlichungen weltweit ausmachten - ein Bruchteil also, dem allein wegen seines geringen Umfangs folgerichtig weniger Aufmerksamkeit zuteil wird. 


Bei der Betrachtung der Verteilung der Forschungsarbeiten auf die verschiedenen Disziplinen wurde mir ein weiterer Punkt bewusst, der die für mich geringe Bekanntheit dieser Arbeiten zum Teil erklärt. So besteht im Afrika südlich der Sahara (ausgenommen Südafrika) eine hohe Spezialisierung hinsichtlich der Agrar- und Sozialwissenschaften, während die Gebiete des Maschinenbaus, der Informatik und der Physik einen deutlich geringeren Anteil ausmachen. Für die Wirtschaftsnationen der G7 hingegen zeigt sich die Astronomie als ausgeprägteste Disziplin, auch wenn sie auf den ersten Blick von der Anwendung im täglichen Leben einen gewissen Abstand hat, während die Agrarwissenschaften eine untergeordnete Rolle einnehmen.


Dieser Fokus und die eingeleiteten Initiativen zur Erarbeitung von Strategien zum Leben mit der sich ändernden Umwelt und der Verbesserung der Landwirtschaft ergeben vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen Sinn. Zu diesen zählen zum Beispiel die demografischen Verhältnisse sowie der erwartete (bzw. vorliegende) Einfluss der klimatischen Veränderungen, welche Afrika, obwohl nur geringfügig selbst verschuldet, wohl deutlich stärker als die meisten der G7-Staaten betreffen wird. So muss ein immenser Aufwand zur Lösung eines Problems betrieben werden, vor welches der Kontinent durch Andere gestellt wurde. Gleichzeitig ist nicht sicher, ob sich dieses erarbeitete Wissen aufgrund seiner konzeptionellen Natur auf dem globalisierten Markt anschließend gewinnbringend anbieten lässt, da eine Ableitung von Produkten oder Dienstleistungen möglicherweise schwierig sein wird.


Hinsichtlich nachhaltiger Entwicklungshilfe im Wissenschaftsbereich könnten Forschungskooperationen ein zielführendes Mittel sein, um das Gefälle im Know-How und der Infrastruktur abzubauen. Diese müssen in den nächsten Jahren nicht einmal nur von den heute führenden Wissenschaftsnationen hin zu schwächer aufgestellten Ländern orientiert sein. Je nach Fortschritt der landwirtschaftlichen Forschungsarbeiten könnten Impulse auch den umgekehrten Weg nehmen, um die Vorstellungen von Landwirtschaft auch im Bezug auf die Bekämpfung des Klimawandels zu bereichern.



Literatur:

  1. Mutesa et al. “A strategy for finding people infected with SARS-CoV-2: optimizing pooled testing at low prevalence”: https://arxiv.org/pdf/2004.14934.pdf - letzter Zugriff: 15.07.2020

  2. Bayerische Teststrategie: https://www.stmgp.bayern.de/coronavirus/bayerische-teststrategie/ - letzter Zugriff: 15.07.2020

  3. UNESCO Wissenschaftsbericht 2015: https://www.unesco.de/sites/default/files/2018-01/unesco_wissenschaftsbericht_2015_dt_zsfg-1.pdf - letzter Zugriff: 16.07.2020

  4. Science in Action - Rwanda’s game changing coronavirus test: